|
ALEXANDER
MENDEN
Suddeutsche Zeitung, 24. November 2004
Length: 1046 Words
Nachrichten aus dem Nichts (News from Nowhere)
Am unwirtlichsten Ort der Welt: Der Londoner Kunstler Simon Faithfull
beginnt heute sein digitales Antarktis-Tagebuch
Einen Bart hat er sich wachsen
lassen, einen dichten, karottenroten Seebären-Bart. Speziell für
diese Reise, das gibt Simon Faithfull zu: "Ich wollte nicht wie so
ein zimperlicher Kunstlertyp wirken." Er macht sich ohnehin wenig
Illusionen über seine Rolle auf dem Schiff RRS Ernest Shackleton,
das bis Ende Januar sein Zuhause sein wird: "Ich werde wohl immerzu
rechtfertigen müssen, dass ich überhaupt mitreise." Schon
bei den Vorbereitungstreffen hatten die an-deren ihn gemustert, "wie
sie sonst vielleicht eine Pinguinkolonie ansehen". Aber das betrachtet
Simon Faithfull alles als Teil der bevorstehenden Erfahrung.
Die Shackleton, der Stolz
der Flotte des britischen Polar-Forschungsprogramms British Antarctic
Survey (BAS), ist ein Eisbrecher. Über Ascension Island und die Falklandinseln
geht ihre Reise, um schliesslich bei der einsamsten For-schungsstation
der Welt zu enden. Auf Stelzen gebaut, ragt Halley V aus dem Brunt-Schelf
vor der Kuste des antarktischen Festlands. An Bord befinden sich rund
50 Wissenschaftler und Techniker des BAS sowie ein Künstler aus London:
Simon Faithfull. Die Techniker werden die Vorräte der Station auffrischen,
die Wissenschaftler werden mittels Laser meteorologische Daten sammeln.
Und seit heute ist auch Simon Faithfull dabei, um zu zeichnen, was er
sieht
Der 38-Jahrige ist einer der
ersten Teilnehmer des neuen, vom British Arts Council und dem BAS gemeinsam
ausgerichteten Stipendienprogramms "Kunstler und Autoren in der Antarktis".
Es soll den ausgewohlten Kunstlern und Schrift-stellern Gelegenheit geben,
sich mit einem bisher wenig bearbeiteten Kontinent auseinanderzusetzen.
Bisher hatten einzig Territorialstreitigkeiten, die in der Antarktis seit
Jahrzehnten andauern, ein wenig zur offiziellen Furderung von "Antarktiskunst"
beigetragen. Um ihren Gebietsanspruch zwischen dem 53. und dem 74. Grad
westlicher Breite zu untermauern, den auch Chile und Argentinien fur sich
reklamieren, betreiben die Briten im antarktischen Port Lockroy das klein-ste
Postamt der Welt. Dafür werden eigens Postwertzeichen mit dem Aufdruck
"British Antarctic Territory" hergestellt, auf denen neben der
Shackleton auch ein paar britische Forschungsstationen abgebildet sind.
Von solcher Repräsentationskunst
im Kleinformat könnten Simon Faithfulls el-liptische Miniaturen allerdings
nicht weiter entfernt sein: Faithfull, der an der Universität Reading
und dem Royal College of Art ausgebildet wurde, hat für sich den
Palm Pilot als Medium darstellender Kunst entdeckt. In erster Linie als
elektronisches Adressbuch mit Terminplaner gedacht, verfügt dieses
kleine Gerät, der "Personal Digital Assistant" (PDA), unter
anderem auch über ein krudes Zeichenprogramm, dessen sich Faithfull
schon seit einigen Jahren in immer mini-malistischerer Form bedient. Das
macht es unter anderem leichter, sie weiterzusenden.
Zweieinhalb Monate lang wird
Faithfull täglich seine Reise-Zeichnungen kos-tenlos per E-Mail an
Abonnenten schicken, die sich auf seiner Website oder der Internetseite
des ebenfalls beteiligten Centre for Contemporary Arts in Glasgow anmelden
können. So entsteht stückweise ein digitales Antarktis-Tagebuch
in Echtzeit.
Zur Sicherheit gehen drei
Palm Pilots mit auf die Reise. Die Geräte sind für die extremen
Temperaturen, die selbst im antarktischen Sommer herrschen, nicht ausgelegt.
Einen zweistündigen Belastungstest in Simon Faithfulls Gefrierfach
haben sie allerdings bestanden.
Dem Künstler liegt daran,
zu betonen, dass ihm jeder Fetischismus der Elek-tronik um ihrer selbst
willen fern liegt: "Es ist eigentlich eine ganz tradi-tionelle Technik,
die zum Beispiel Matisse anwandte, indem er mit der linken Hand malte.
Durch die freiwillige Begrenzung der eigenen technischen Mittel, in meinem
Fall die grobe Verpixelung des Striches, überwindet man sozusagen
den Gegenstand." Schon im Oktober 2000 befasste Faithfull sich auf
diese Weise während eines Aufenthalts in New York fast einen Monat
lang mit dem World Trade Center, zeichnete Fahnen, Gebäudeansichten,
aber auch vereinzelte, völlig ab-strahierte Einzelaspekte, die nur
im Kontext des Gesamtprojekts verstehbar wur-den. Nach dem 11. September
2001 haben diese Alltagsbruchstücke eine historische Dimension hinzugewonnen.
Das endlos sich erstreckende
weisse Nichts der Antarktis stellt eine besondere Herausforderung dar.
Einer der Gründe dafür, dass die Literatur sich bisher weit
stärker von den Polarregionen hat inspirieren lassen als die bildende
Kunst, mag sein, dass die ÷dnis der Eisflächen dem introspektiveren
Vorgang des Schreibens mehr entgegenkommt als der Malerei.
"Die Majestät der
Antarktis ist mit den von mir gewählten Mitteln nicht dar-stellbar",
sagt Simon Faithfull. "Ich finde ohnehin interessanter, dass dieser
Kontinent bisher fast ausschliesslich der Wissenschaft gehört hat."
Es werden daher vor allem die Spuren menschlichen Wirkens an diesem unwirtlichsten
Ort der Welt sein, denen er sich in seinen "Antarctica Dispatches"
widmen will: "Ein Detail des Schiffs, Shackletons Grab, eine verlassene
Walfängerstation, ein entschwebender Wetterballon."
Dabei sieht er sich durchaus
auch in der Tradition von Künstlern wie William
Hodges, der Captain Cook auf
seiner zweiten grossen Seereise von 1772 bis 1775 begleitete, um, so lautete
sein Auftrag, so akkurat wie möglich zu dokumen-tieren, "was
Worte nicht beschreiben können": "Obwohl meine Zeichnungen
gerade nichts zu objektivieren versuchen, haben sie etwas Anachronistisches,
weil sie wie eine zeitgenössische Version der beobachtenden Zeichnungen
sind, die man früher von der Grand Tour mitbrachte. Epische Reisen
in den Süden sind tief in das Konzept der Britishness eingebettet."
Die Antarktis ist vielleicht
der letzte und zugleich extremste Ort, an der sich diese Sehnsucht nach
südlichem Exotismus noch stillen lässt, ebenso wie die ebenfalls
zutiefst britische Sehnsucht nach dem melancholischen Heroismus der verfehlten
Ziele: Sir Ernest Shackleton erreichte den Südpol nie und Robert
Fal-con Scott starb auf dem Rückweg von dort, nachdem ihn Roald Amundsen
im Rennen um die Entdeckung geschlagen hatte. Beide wurden zu Legenden
- Legenden des Scheiterns am Nichts. "Was mich an diesem Ort am meisten
fasziniert," sagt Simon Faithfull, "ist dieses Paradox der romantischen
Leere."
|